Geschichte der VR-Fotografie

QuickTime VR: Wie das interaktive Panorama entstand

Zylinder, Würfel und Objektfilme: wie Apples QuickTime VR Panoramen am Bildschirm drehbar machte, warum das Format verschwand und wie sich alte Dateien heute noch retten lassen.

Inhalt dieser Seite
  1. Das Grundprinzip: ein Film, der nicht abläuft
  2. Panoramafilme
  3. Objektfilme
  4. Mehrere Knoten: der erste virtuelle Rundgang
  5. Wie QTVR-Dateien entstanden
  6. Warum das Format verschwand
  7. Alte QTVR-Dateien heute retten
  8. Was von QuickTime VR geblieben ist
  9. Kurzfazit

QuickTime VR war die Technik, mit der Panoramen und Objekte ab Mitte der 1990er-Jahre am Computer interaktiv wurden. Apple erweiterte dafür seine Multimedia-Plattform QuickTime um zwei neue Filmtypen: Panoramafilme, in denen man sich umschaut, und Objektfilme, bei denen man einen Gegenstand von allen Seiten betrachtet. Das Format prägte die Panoramafotografie über mehr als ein Jahrzehnt und verschwand dann mit den Browser-Plugins. Dieser Beitrag erklärt die Technik im Detail. Die Einordnung in die Geschichte des Mediums gibt der Bereich Geschichte der VR-Fotografie.

Das Grundprinzip: ein Film, der nicht abläuft

QuickTime war ursprünglich für Video und Ton gedacht. Eine Filmdatei enthielt Spuren, die nacheinander abgespielt wurden. QuickTime VR nutzte diese Struktur auf ungewöhnliche Weise: Die Bilder einer VR-Datei wurden nicht der Reihe nach gezeigt, sondern je nach Mausbewegung des Betrachters angesteuert. Aus einem Film wurde so ein Raum oder ein Gegenstand, den man selbst erkunden konnte.

Die Dateien hatten die übliche QuickTime-Endung .mov und ließen sich im QuickTime-Player oder über ein Browser-Plugin direkt in Webseiten öffnen. Gesteuert wurde mit der Maus: Ziehen drehte die Ansicht, zwei Tasten zoomten hinein und heraus.

Panoramafilme

Zylinderpanoramen

Die ersten Panoramafilme zeigten Zylinderpanoramen. Die Kamera wurde um ihren Drehpunkt geschwenkt, die Einzelbilder wurden zu einem langen Streifen zusammengesetzt, der innen auf einen gedachten Zylinder projiziert wurde. Man konnte sich ringsum drehen und ein Stück nach oben und unten schauen, Himmel und Boden fehlten aber. Wie weit der Blick nach oben reichte, hing vom Bildwinkel der Aufnahme ab.

Technisch wurde das Panoramabild in Kacheln zerlegt und als Bilder einer Videospur in der Datei abgelegt. Der Player lud die benötigten Kacheln und korrigierte die Zylinderverzerrung in Echtzeit, sodass gerade Linien im sichtbaren Ausschnitt gerade blieben. Auf den Rechnern der damaligen Zeit war das eine beachtliche Leistung und der eigentliche Kern der Technik.

Kubische Panoramen

Später kamen kubische Panoramen hinzu. Statt eines Zylinders bestand die Kugel aus sechs Würfelflächen: vorne, rechts, hinten, links, oben und unten. Damit konnten Betrachter erstmals senkrecht nach oben in den Himmel und nach unten auf den Boden schauen. Für Fotografen änderte das den Arbeitsablauf grundlegend, denn nun mussten auch Zenit und Nadir aufgenommen und das Stativ aus dem Bild retuschiert werden.

Das Würfelformat hat die Technik überdauert. Viele heutige Viewer arbeiten intern ebenfalls mit Würfelflächen, auch wenn das Ausgangsbild ein equirektangulares Panorama ist. Wie die Projektionen zusammenhängen, erklärt der Beitrag Equirektangulare Projektion.

Merkmal Zylinderpanorama Kubisches Panorama
Blickfeld ringsum, oben und unten begrenzt vollständige Kugel
Aufnahme eine Reihe von Bildern mehrere Reihen plus Zenit und Nadir
Speicherung ein gekachelter Bildstreifen sechs gekachelte Würfelflächen
Retusche meist keine Stativretusche nötig Stativ im Nadir muss entfernt werden
Verbreitung ab der ersten Version später, mit neueren QuickTime-Versionen

Objektfilme

Der zweite Filmtyp kehrte das Prinzip um. Bei einem Objektfilm steht der Gegenstand in der Mitte. Er wird auf einem Drehteller oder mit einer Kamera auf einem Bogen aus vielen Winkeln fotografiert. In der Datei liegen die Aufnahmen als Raster: Spalten für die Drehung um das Objekt, Reihen für unterschiedliche Kamerahöhen. Zieht der Betrachter die Maus nach links oder rechts, springt der Player zur benachbarten Spalte, zieht er nach oben oder unten, zur nächsten Reihe.

Je feiner das Raster, desto flüssiger wirkt die Drehung. Ein Objektfilm mit Aufnahmen in 10-Grad-Schritten braucht für eine volle Umdrehung 36 Bilder pro Reihe. Objektfilme konnten außerdem kleine Animationen enthalten, etwa eine Tür, die sich öffnet. Autos, Skulpturen, Uhren und Produkte wurden so präsentiert. Das Prinzip lebt in den 360-Grad-Produktansichten heutiger Onlineshops weiter. Wie man solche Aufnahmen heute erstellt, zeigt der Beitrag 360-Grad-Produktfotos: Objektdrehung für Onlineshops.

Mehrere Knoten: der erste virtuelle Rundgang

Eine QuickTime-VR-Datei konnte mehrere Panoramen und Objekte enthalten, die als Knoten bezeichnet wurden. Verbunden wurden sie über Hotspots, also anklickbare Bereiche im Bild. Ein Klick auf eine Tür führte zum Panorama des nächsten Raums, ein Klick auf ein Ausstellungsstück öffnete den passenden Objektfilm oder eine Webseite. Die Hotspots waren als eigene Bildebene hinterlegt, in der jeder anklickbare Bereich eine Kennung trug.

Damit enthielt QuickTime VR bereits alle Bausteine eines heutigen virtuellen Rundgangs: Standpunkte, Übergänge, Blickrichtungen und Zusatzinformationen.

Wie QTVR-Dateien entstanden

Der Weg zur fertigen Datei hatte mehrere Stufen:

  1. Aufnahme: Kamera auf einem Panoramakopf um den Nodalpunkt drehen, bei Zylindern eine Reihe, bei kubischen Panoramen zusätzlich Zenit und Nadir.
  2. Stitching: Einzelbilder mit einem Stitching-Programm zu einem Panorama zusammensetzen. Anfangs lieferte Apple dafür eigene Werkzeuge, später übernahmen Programme aus dem Umfeld der Panorama Tools.
  3. Umwandlung: Das Panorama wurde in das QTVR-Format überführt, gekachelt und komprimiert. Dabei wurden Startblick, Zoomgrenzen und Hotspots festgelegt.
  4. Einbindung: Die .mov-Datei kam auf die Website und wurde über das QuickTime-Plugin in die Seite eingebettet.

Weil Internetverbindungen damals langsam waren, spielte die Dateigröße eine große Rolle. Fotografen wägten sorgfältig zwischen Bildgröße, Kompression und Ladezeit ab. Viele Panoramen aus dieser Zeit wirken deshalb nach heutigen Maßstäben klein und körnig.

Warum das Format verschwand

Mehrere Entwicklungen kamen zusammen:

  • Plugin-Abhängigkeit: QuickTime VR brauchte im Browser ein Plugin, das nicht überall installiert war. Viewer auf Basis von Flash erreichten mehr Rechner und verdrängten QTVR im Web.
  • Neue QuickTime-Generation: Mit der Neuentwicklung des QuickTime-Players unter Mac OS X wurde die interaktive VR-Wiedergabe nicht mehr übernommen. Nur die ältere Version spielte die Dateien weiter ab, bis auch sie auf neuen Systemen nicht mehr lief.
  • Ende der Windows-Version: Apple stellte die Pflege von QuickTime für Windows ein, wodurch die letzte Abspielmöglichkeit auf vielen Rechnern verschwand.
  • Ende der Browser-Plugins: Moderne Browser unterstützen keine Plugins mehr. Heutige Viewer laufen per HTML5 und WebGL direkt im Browser.

Was blieb, sind zahllose Dateien auf alten Festplatten, CDs und in Webarchiven, die sich nicht mehr einfach abspielen lassen.

Alte QTVR-Dateien heute retten

Wer ein Archiv mit QuickTime-VR-Panoramen besitzt, hat mehrere Möglichkeiten. Die beste hängt davon ab, welche Dateien noch vorhanden sind.

Was vorhanden ist Empfohlener Weg Ergebnis
Original-Einzelbilder neu stitchen mit aktueller Software beste Qualität, volle Auflösung
gestitchtes Zylinder- oder Würfelbild in equirektangulares Format umrechnen gute Qualität, nur eine Umrechnung
nur die .mov-Datei Bilddaten mit speziellen Werkzeugen oder auf einem älteren System auslesen Qualität der damaligen Kompression
nur ein Webarchiv-Eintrag Datei aus dem Archiv laden, dann wie oben oft unvollständig

Liegen die Einzelbilder noch vor, lohnt das Neu-Stitchen fast immer. Heutige Programme liefern deutlich sauberere Nahtstellen und höhere Auflösungen als die Werkzeuge der 1990er-Jahre. Kubische Würfelflächen lassen sich mit gängiger Panorama-Software wie Hugin oder PTGui in ein equirektangulares Bild umrechnen, das jeder moderne Viewer versteht.

Bei Objektfilmen ist der Weg ähnlich: Die Einzelbilder werden ausgelesen oder aus dem Original-Archiv genommen und mit einem heutigen 360-Grad-Produktviewer neu zusammengestellt.

Archiv-Tipp: Bewahren Sie neben den fertigen Panoramen immer auch die Einzelbilder und Projektdateien auf. Die Geschichte von QuickTime VR zeigt, dass Abspielformate verschwinden, Bilddaten in offenen Formaten aber bleiben.

Was von QuickTime VR geblieben ist

Viele Begriffe und Arbeitsweisen der heutigen Panoramafotografie stammen aus der QTVR-Zeit: Knoten und Hotspots im Rundgang, Würfelflächen als Speicherform, Objektfilme als Vorbild für Produktansichten, die Sorgfalt bei Nodalpunkt und Retusche. Auch die Gemeinschaft der Panoramafotografen, die sich damals in Foren und Mailinglisten bildete, wirkt bis heute nach.

Kurzfazit

QuickTime VR machte Panoramen und Objekte erstmals für ein breites Publikum interaktiv und legte mit Knoten, Hotspots und Würfelflächen die Grundlagen heutiger Rundgänge. Das Abspielformat ist verschwunden, die Bilder dahinter lassen sich aber meist retten, am besten über die Einzelbilder und ein neues Stitching.

Häufige Fragen

Fragen und Antworten

Was ist der Unterschied zwischen einem Panoramafilm und einem Objektfilm?
Beim Panoramafilm steht der Betrachter in der Mitte und schaut sich um, die Kamera hat sich bei der Aufnahme um sich selbst gedreht. Beim Objektfilm steht der Gegenstand in der Mitte, und der Betrachter umrundet ihn virtuell. Er besteht aus vielen Einzelbildern, die aus unterschiedlichen Winkeln rund um das Objekt aufgenommen wurden.
Warum lassen sich QuickTime-VR-Dateien heute nicht mehr öffnen?
Neuere QuickTime-Versionen haben die interaktive VR-Wiedergabe nicht mehr übernommen, und moderne Browser unterstützen keine Plugins mehr. Die Dateien mit der Endung .mov sind zwar noch vorhanden, aber kein aktuelles Programm spielt sie als drehbares Panorama ab.
Kann ich alte QTVR-Panoramen in ein modernes Format umwandeln?
Oft ja, mit etwas Aufwand. Am einfachsten ist es, wenn die ursprünglichen Einzelbilder oder das gestitchte Panorama noch vorhanden sind. Dann wird daraus ein equirektangulares Bild für einen heutigen Viewer. Liegen nur die .mov-Dateien vor, helfen spezialisierte Werkzeuge oder ältere Rechner, die Bilddaten auszulesen.
Gab es bei QuickTime VR schon virtuelle Rundgänge?
Ja. Mehrere Panoramen konnten in einer Datei als Knoten verbunden werden. Anklickbare Bereiche im Bild führten zum nächsten Standpunkt oder öffneten eine Webseite. Damit war das Prinzip des heutigen virtuellen Rundgangs bereits vorhanden.